Vortrag im Rahmen der Reihe Digitalisierung und Gesellschaft III
Abstract
Frühe Entwicklungen der Digitalisierung waren immer auch mit gesellschaftlicher Aufbruchstimmung (z.B. Whole Earth-Katalog und Hippie-Bewegung im Silicon Valley), der Hoffnung auf die Befreiung von einengenden Normen (z.B. Cyberfeminismus und das Gender-Swapping mittels entkörperter Kommunikation) oder gewerkschaftlichen Ansprüchen (z.B. Participatory Design und menschengerechte Arbeit in den 1980/90er Jahren) verbunden. Demgegenüber performieren die „Tech Bros“ weltweit führender IT-Konzerne aktuell ganz unverhohlen Macht und Männlichkeit und verfolgen dabei autoritative, Gleichstellung und Demokratie aushebelnde Politiken. Besonders sichtbar werden diese Verschiebungen aus Perspektiven der feministischen Science and Technology Studies.
Im Vortrag werde ich Schlaglichter auf ausgewählte Momente der Digitalisierungshistorie werfen, um diese politischen Verschiebungen besser zu fokussieren. Diskurse und Mythen, die das Digitale umranken, werden dabei ebenso beleuchtet wie die technischen Artefakte und die Prozesse ihrer Herstellung und Materialisierung selbst. Ausgehend von diesen Analysen zeige ich auf, dass bisher in Politik und Informatik vorherrschende Konzepte (bspw. Ethik oder Transparenz und Erklärbarkeit von KI) zu kurz greifen, um den verstärkt identifizierbaren Diskriminierungen durch digitale Artefakte zu begegnen. Stattdessen werde ich für feministische Konzepte plädieren, die auf mehr Gerechtigkeit auch in den Technikgestaltungsprozessen und ihren Produkten zielen, etwa „Response-ability“ (Haraway), „Ethico-Onto-Epistemology“ (Barad) oder die „Revolution der Verbundenheit“ (Schutzbach). Wenn es um bessere mögliche Zukünfte geht, soll zwischen wissenschaftlich-theoretischen Ansätzen und aktivistischen Zugängen kein Unterschied gemacht werden. Denn am Ende stellt sich mit Geschlechterforschung die höchst drängende Frage: Welche materiell-semiotischen Denkbewegungen-Handlungen weisen Wege aus den planetarischen Ruinen des Kapitalismus (Tsing 2017) in eine leb- und wünschbare Welt?
Dr.-Ing. Dr. h.c. Corinna Bath ist Diplom-Mathematikerin (FU Berlin), promovierte Informatikerin (Universität Bremen) und Geschlechter- sowie Science and Technology Studies-Forscherin. Seit Dezember 2023 leitet sie die Koordinations- und Forschungsstelle Frauen- und Geschlechterforschung in NRW, die an der Universität Duisburg-Essen angesiedelt ist.
Corinna Bath wurde 2009 zum Thema „De-Gendering informatischer Artefakte. Grundlagen einer kritisch-feministischen Technikgestaltung“ in der Informatik promoviert und war bis 2011 Postdoktorandin im DFG-Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben vier Gastprofessuren zwischen 2011 und 2024 hatte sie von 2012-2022 die Professur „Gender, Technik und Mobilität“ an der TU Braunschweig inne und leitete 2017-2021 das Niedersächsische Promotionsprogramm “Konfigurationen von Mensch, Maschine und Geschlecht” mit 18 Promovierenden aus den Sozial-, Geistes- und Medienwissenschaften und den Natur- und Technikwissenschaften an drei Hochschulen. 2022 erhielt sie die Ehrendoktor*innenwürde von der TU Graz für ihre besonderen wissenschaftlichen Leistungen, die Geschlechterforschung in die technischen Wissenschaften zu integrieren.
Organisation: Till Dembeck und Harry Lehmann