Resistente Stärke, wie sie in gekochten und abgekühlten Kartoffeln, Reis oder Pasta enthalten ist, gilt derzeit als Trendthema auf Food-Blogs. Doch ihr Einfluss auf unseren Darm wird auch im Zusammenhang mit neurodegenerativen Erkrankungen intensiv erforscht. Ein Forschungsteam, das sich mit dem Mikrobiom, also der Gemeinschaft von Mikroorganismen, die in und auf unserem Körper leben, sowie dessen Bedeutung für Gesundheit und Krankheit beschäftigt, hat kürzlich beobachtet, dass eine Ernährung, die reich an resistenter Stärke ist, vielversprechende Effekte auf die Symptome der Parkinson-Krankheit haben kann. Die Pilotstudie wurde soeben in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Brain, Behavior, and Immunity veröffentlicht.
Eine neurodegenerative Erkrankung, die möglicherweise im Darm beginnt
Die Parkinson-Krankheit wird meist als Erkrankung des Gehirns wahrgenommen. Es ist jedoch weniger bekannt ist, dass auch der Darm frühzeitig betroffen sein kann. Bereits in frühen Krankheitsphasen kommt es zu neurodegenerativen Veränderungen im Darmnervensystem sowie zu einer veränderten Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Diese Prozesse äußern sich häufig zunächst in Magen-Darm- Beschwerden, etwa in Form von Verstopfung, lange bevor die typischen motorischen Symptome auftreten. Die beobachteten Veränderungen der Darmmikroorganismen bei Menschen mit Parkinson stehen daher zunehmend im Fokus der Forschung, da sie offenbar Neuroinflammation begünstigen und krankhafte Mechanismen verstärken. „Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass das Darmmikrobiom eine wichtige Rolle bei der Parkinson-Krankheit spielt, und wir wissen, dass die Ernährung die Struktur und Funktion des Mikrobioms maßgeblich beeinflusst“, erklärt Prof. Paul Wilmes, Leiter der Forschungsgruppe Systems Ecology am Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB). „Gezielte ernährungsbasierte Interventionen könnten daher einen vielversprechenden Ansatz zur Linderung der Symptome darstellen, insbesondere da sie in der Regel gut verträglich sind undvon den Patienten gut angenommen werden.“
Ernährung als mögliches Mittel zur Verbesserung der Lebensqualität
Das Team von Prof. Wilmes untersuchte in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe von Prof. Brit Mollenhauer von der Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel das Potenzial resistenter Stärke als ernährungsbasierte Intervention. Dieses komplexe Kohlenhydrat passiert den Magen und Dünndarm, ohne absorbiert zu werden, und gelangt in den Dickdarm, wo es von Mikroorganismen verdaut wird. Bei der Parkinson-Krankheit könnte resistente Stärke, zusammen mit anderen Ballaststoffen dazu beitragen, das Darmmikrobiom gezielt und positiv zu beeinflussen. Resistente Stärke kommt natürlicherweise in Lebensmitteln wie grünen Bananen, Bohnen, Samen und Nüssen vor und entsteht zudem durch das Kochen und anschließende Abkühlen von Kartoffeln, Reis oder Pasta.
In einer Pilotstudie untersuchte das LCSB-Team 74 Menschen mit Parkinson, die über einen Zeitraum von zwei bis vierzig Wochen unterschiedliche Ernährungsformen einhielten, darunter eine konventionelle Ernährung, eine mit resistenter Stärke angereicherte Kost sowie eine klassische ballaststoffreiche Ernährung. Die Forscher sammelten regelmäßig Stuhl- und Blutproben sowie klinische, pharmakologische und ernährungsbezogene Daten, um die Auswirkungen der verschiedenen Ernährungsweisen über unterschiedliche Zeiträume hinweg vergleichen zu können. „Wir haben die Struktur des Darmmikrobioms, sein funktionelles Potenzial sowie die in Blut und Stuhl vorkommenden Moleküle mithilfe moderner Methoden wie Shotgun-Sequenzierung und Multi-Omics-Ansätzen analysiert“, erläutert Dr. Viacheslav Petrov, Erstautor der Studie und Postdoktorand in der Systems Ecology Forschungsgruppe. „In Kombination mit standardisierten Fragebögen zur Symptomschwere erhielten wir so ein umfassendes Bild der Effekte einer Ernährung mit hohem Gehalt an resistenter Stärke oder Ballaststoffen insgesamt.“
Pilotstudie mit vielversprechenden Ergebnissen auf mehreren Ebenen
Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Ergänzung der Ernährung mit resistenter Stärke als auch mit Ballaststoffen bereits nach kurzer Zeit das Darmmikrobiom der Teilnehmenden verändert. Dies führt zu einer Zunahme gesundheitsfördernder Bakterien, insbesondere von Arten der Gattung Faecalibacterium, sowie zu einer Abnahme opportunistischer Krankheitserreger. Bei einer mehrwöchigen Einnahme resistenter Stärke traten darüber hinaus weitere positive Effekte auf, darunter erhöhte Konzentrationen entzündungshemmender Moleküle in Stuhl und Blut sowie Verbesserungen sowohl motorischer als auch nicht-motorischer Symptome der Erkrankung.
„Die resistenter Stärke stellt den nützlichen Mikroorganismen im Dickdarm Ressourcen zur Verfügung“, erklärt Dr. Petrov. „Infolgedessen beobachten wir eine Veränderung in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms, die eng mit Veränderungen seines funktionellen Potenzials verknüpft ist. Zum Beispiel können diese Mikroorganismen Biofilme bilden, die vor Darmschäden schützen. Zudem wirkt sich dies auf die Stoffwechselaktivität und die Entzündungsreaktion des Körpers aus.“ Die eindrucksvollste Konsequenz dieser gesundheitsfördernden Veränderungen sind die deutlichen Verbesserungen der Symptome und der Lebensqualität der Patienten.
Erforschung der komplexen Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und neurodegeneration
Während diese Studie das Potenzial ernährungsbasierter Interventionen zur Modulation des Darmmikrobioms und zur Behandlung der Parkinson-Krankheit unterstreicht, trägt die Arbeit der Forschungsgruppe Systems Ecology insgesamt dazu bei, die vielschichtige Rolle von Mikroorganismen für Gesundheit und Krankheit besser zu verstehen. „Es ist besonders bedeutsam, Ergebnisse zu erzielen, die zu konkreten Ernährungsempfehlungen führen und einen direkten Nutzen für die Patienten haben“, sagt Prof. Wilmes. „Gleichzeitig verdeutlicht unsere Forschung, wie komplex die Wechselwirkungen zwischen Darm und Gehirn sind. Je mehr wir lernen, desto mehr Fragen entstehen. Wird das Mikrobiom lediglich von der Krankheit beeinflusst, kann es deren Ausbruch mitverursachen oder übernimmt es möglicherweise eine schützende Funktion?“
Jüngste wissenschaftliche Veröffentlichungen des Teams zeigen beispielsweise, dass das Darmmikrobiom bereits in Vorstadien der Parkinson-Krankheit gestört ist, etwa bei Patienten mit idiopathischer REM-Schlafverhaltensstörung, die häufig als Vorläufer der Parkinson-Krankheit gilt. Diese frühen Veränderungen beeinträchtigen zentrale Funktionen des Mikrobioms, die normalerweise zur Regulation des Immunsystems und der Gehirnfunktion beitragen, und können dadurch weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Im Rahmen des 2020 gestarteten, vom ERC geförderten Projekts ExpoBiome sowie der daran anschließenden Proof-of-Concept-Förderung (AMY-Dx), die 2025 bewilligt wurde, untersucht das Team außerdem kleine, vom Darmmikrobiom produzierte Proteine, die die Aggregation von α-Synuklein, dem zentralen molekularen Kennzeichen der Parkinson-Krankheit, auslösen können. Dabei analysieren die Forschenden sowohl die mögliche pathogene Rolle dieser mikrobiellen Moleküle als auch ihr Potenzial als prädiktive Biomarker zur Früherkennung der Erkrankung.
Diese neuen Erkenntnisse zur Darm-Hirn-Achse bei neurodegenerativen Prozessen tragen dazu bei, Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln, die auf die Wiederherstellung eines gesunden Mikrobioms abzielen, unter anderem durch umfassendere und langfristige Ernährungsinterventionen.
Die Veröffentlichung in Brain, Behavior, and Immunity ist mit tiefer Dankbarkeit dem Andenken an Dr. Sebastian Schade gewidmet. Sein unermüdliches Engagement, seine klinische Expertise und seine visionäre Arbeit als talentierter junger klinischer Wissenschaftler waren für den Erfolg dieser Studie unverzichtbar. Seine Hingabe an die Patientenversorgung und seine unerschütterliche Leidenschaft für die Förderung unseres Verständnisses der Parkinson-Krankheit bleiben ein Eckpfeiler dieser Arbeit. Sein Vermächtnis lebt weiter in den Kollegen, die er inspirierte, im Teamgeist, den er lebte, und in den Patienten, denen er mit großer Fürsorge begegnete.
Die Forschenden
Referenzen:
- Viacheslav Petrov, Sebastian Schade, Cedric Laczny, Jenny Hallqvist, Patrick May, Christian Jäger, Velma Aho, Oskar Hickl, Rashi Halder, Elisabeth Lang, Jordan Caussin, Laura Lebrun, Janine Schulz, Marcus Michael Unger, Kevin Mills, Brit Mollenhauer & Paul Wilmes, Resistant starch improves Parkinson’s disease symptoms through restructuring of the gut microbiome and modulating inflammation, Brain, Behavior, and Immunity, December 2025.
- Rémy Villette & al., Integrated multi-omics highlights alterations of gut microbiome functions in prodromal and idiopathic Parkinson’s disease, Microbiome, October 2025.
- Rémy Villette, Polina V. Novikova, Cédric C. Laczny, Brit Mollenhauer, Patrick May & Paul Wilmes, Human gut microbiome gene co-expression network reveals a loss in taxonomic and functional diversity in Parkinson’s disease, npj Biofilms and Microbiomes, July 2025.
Die in Brain, Behavior, and Immunity veröffentlichte Studie wurde von der Michael J. Fox Foundation gefördert. Die Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe Systems Ecology am LCSB werden außerdem unterstützt durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 der Europäischen Union, den Luxembourg National Research Fund (FNR), die Parkinson’s Foundation, das Institute for Advanced Studies der Universität Luxemburg, den Rotary Club Luxembourg, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie durch ein Fulbright-Forschungsstipendium der Kommission für Bildungsaustausch zwischen den USA, Belgien und Luxemburg.
Bildnachweis: Oberes Bild KI-generiert