{"id":861,"date":"2017-06-08T07:29:00","date_gmt":"2017-06-08T05:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.uni.lu\/c2dh-de\/articles\/soziale-ungleichheit-seit-1945-als-herausforderung-fuer-die-geschichtswissenschaft\/"},"modified":"2025-03-26T10:16:14","modified_gmt":"2025-03-26T09:16:14","slug":"soziale-ungleichheit-seit-1945-als-herausforderung-fuer-die-geschichtswissenschaft","status":"publish","type":"articles","link":"https:\/\/www.uni.lu\/c2dh-de\/articles\/soziale-ungleichheit-seit-1945-als-herausforderung-fuer-die-geschichtswissenschaft\/","title":{"rendered":"Soziale Ungleichheit seit 1945 als Herausforderung f\u00fcr die Geschichtswissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<section class=\"wp-block-unilux-blocks-free-section section\"><div class=\"container xl:max-w-screen-xl\">\n\n<p><strong>Was hat die soziale Ungleichheit von gestern mit dem Historiker von morgen zu tun? Einen Teil der Antwort hierauf gab Hartmut Kaelble in seinem Auftaktvortrag der tri-nationalen Doktorandenschule, der am 18. Mai 2017 an der Universit\u00e4t des Saarlandes stattfand.<\/strong><\/p>\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.geschichte.hu-berlin.de\/de\/bereiche-und-lehrstuehle\/emeriti-ehemalige-professor_innen\/kaelble\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kaelble<\/a> ging der Frage nach, ob und inwiefern die Historikerschaft bei der Ungleichheitsforschung mitstreiten sollte. Um es kurz zu machen: Zweifelsohne sprechen sehr gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass der Historiker sich auf eine d\u00fcnne Eisschicht begibt, wenn er sich mit Ungleichheit besch\u00e4ftigt. Der Beitrag, den die Historiker \u2013 auch um ihrer eigenen Disziplin willen \u2013 leisten k\u00f6nnen, wiegt diese Argumente aber bei weitem auf.<\/p>\n\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.uni.lu\/wp-content\/uploads\/sites\/23\/2025\/03\/andreasfickersundhartmutkaelble.png\"><\/p>\n\n<p style=\"text-align: center\"><em>Andreas Fickers und Hartmut Kaelble\u00a0im Gespr\u00e4ch<\/em><\/p>\n\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0<\/p>\n\n<p>Kaelble stellt fest, dass es freilich beliebtere Themen gibt, mit denen sich ein Historiker besch\u00e4ftigen kann. Daneben beackern andere F\u00e4cher wie die Soziologie oder die Wirtschaftswissenschaft das Feld schon systematisch und k\u00f6nnen dabei auf ein Theoriespektrum und eine Ahnengalerie der Ungleichheitsforschung zur\u00fcckblicken, die die Geschichtswissenschaft nicht vorzuweisen hat. Ein weiteres Hindernis macht Kaelble in der schlechten Quellenlage aus. Zu guter Letzt findet das, was die Geschichtswissenschaft mit ihren Quellen und einiger ihrer Methoden zum Thema beitragen kann \u2013 z.B. eine historische Diskursanalyse \u2013 interdisziplin\u00e4r keine oder nur sehr wenig Anerkennung.<\/p>\n\n<p>Durch eine Diskussion des\u00a0<em>state of the art<\/em>\u00a0der Ungleichheitsforschung konnte Kaelble aber klar darlegen, warum die Forschung zu diesem Themengebiet ohne die Geschichtswissenschaft nicht funktionieren kann.<\/p>\n\n<p>Erstens hat der Historiker ein breiteres Verst\u00e4ndnis von dem, was soziale Ungleichheit ist. W\u00e4hrend \u00d6konomen dazu neigen, vor allem Verm\u00f6gensunterschiede in den Blick zu nehmen, weitet Clio die Analyse und zeigt wie mehrdimensional Ungleichheit sein kann. Die historische Forschung schlie\u00dft n\u00e4mlich auch Faktoren wie den Zugang zu Bildung, Wohnraum oder Gesundheitsversorgung in ihre Untersuchungen ein.<\/p>\n\n<p>Zweitens kann der Historiker lange Trends besser in den Blick nehmen, als seine Kollegen aus anderen Disziplinen. W\u00e4hrend Thomas Piketty die Abmilderung der sozialen Ungleichheit ab 1918 auf die Folgen des Ersten Weltkriegs und die Zerst\u00f6rung gro\u00dfer Verm\u00f6gen zur\u00fcckf\u00fchrt, argumentiert Kaelble, dass es vor allem die staatlichen Interventionen und die Reformen der\u00a0 1920er waren, die die soziale Ungleichheit abmilderten.<\/p>\n\n<p>Drittens macht Kaelble anhand des deutsch-franz\u00f6sischen Vergleichs deutlich, welchen Beitrag die vergleichende historische Forschung leisten kann. In den 1950er und 1960er Jahren waren die Verm\u00f6gensunterschiede in Deutschland gr\u00f6\u00dfer als in Frankreich. Wenn wir den Blick aber weiten, f\u00e4llt auf, dass die sozialen Trennlinien in Deutschland schw\u00e4cher waren, in Frankreich daf\u00fcr aber die Emanzipation weiter vorangeschritten war, Bildungschancen ausgepr\u00e4gter waren und auch gr\u00f6\u00dfere Aufstiegsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Emigranten bestanden.<\/p>\n\n<p>Viertens kann der Historiker zwar nicht zum Politikberater avancieren, er kann aber in der Gegenwart aufzeigen, wo Handlungsbedarf in der Vergangenheit bestand und gegebenenfalls auch wieder in der Gegenwart besteht.<\/p>\n\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.uni.lu\/wp-content\/uploads\/sites\/23\/2025\/03\/hartmut_kaelble_delivering_his_keynote_speech_to_his_audience_1.jpg\"><\/p>\n\n<p style=\"text-align: center\"><em>Hartmut Kaelble h\u00e4lt den Vortrag der Auftaktveranstaltung vor den Teilnehmern der tri-nationalen Doktorandenschule<\/em><\/p>\n\n<p>\u00a0<\/p>\n\n<p>An seine Ausf\u00fchrungen anschlie\u00dfend, warf Hartmut Kaelble f\u00fcnf Thesen auf:<\/p>\n\n<ul><li>Die Formel, dass mehr Wachstum immer auf gr\u00f6\u00dferer Ungleichheit beruhen m\u00fcsse, greife nicht. Das zeigt uns das Beispiel der 1950er bis 1970er Jahre.<\/li><li>Krieg und Krisen mildern die soziale Ungleichheit in der Nachkriegs- und Nachkrisenzeit nicht unbedingt. Krieg und Krisen sind also keine Allheilmittel um das Ungleichheit auszupendeln.<\/li><li>Ungleichheit l\u00e4sst sich nicht nur auf Verm\u00f6gen reduzieren.<\/li><li>Auch wenn es gro\u00dfe innereurop\u00e4ische Unterschiede gibt, so geht der alte Kontinent doch seine eigenen Wege. W\u00e4hrend die Ungleichheit in Russland, den USA und China in den letzten Jahrzehnten stark zunahm, kann in Europa ein milderer Anstieg verzeichnet werden.<\/li><li>Auch wenn die <em>Grande Nation<\/em> momentan vielfach wie der kranke Mann Europas dargestellt wird, darf das den Blick nicht auf darauf verstellen, dass viele Entwicklungen in Frankreich positiver seien, als in Deutschland.<\/li><\/ul><p>Die anschlie\u00dfende Diskussion verlagerte den Schwerpunkt des Vortrags etwas, kn\u00fcpfte aber an eine aktuellere Debatte der Geschichtswissenschaft, die unter anderem R\u00fcdiger Graf und Kim Christian Priemel in der Vierteljahrshefte f\u00fcr Zeitgeschichte lostraten, an: wie gehen Historiker mit den Daten, die ihnen zur Verf\u00fcgung stehen \u00fcberhaupt um und was ist die Aufgabe des Historikers \u201ein den Archiven der Sozialwissenschaft\u201c?<a href=\"#footnote_ref-1-foot\" id=\"footnote_ref-1-text\" data-target=\"self\"><sup style=\"font-size:11px\">[1]<\/sup><\/a><\/p>\n\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.uni.lu\/wp-content\/uploads\/sites\/23\/2025\/03\/world-map-of-billionaires-5bd3_0.jpg\"><\/p>\n\n<p style=\"text-align: center\"><em>An dieser Karte stritten sich die Geister. Nachdem D. H\u00fcser und A. Fickers kurz die K\u00f6pfe zusammengesteckt hatten, war die zentrale Frage: wo ist Luxemburg? Obwohl Luxemburg laut Wort im Jahr 2014 17 Milliard\u00e4ren ein Obdach bot (bei rund 2200 Milliard\u00e4ren weltweit macht das einen Anteil von 0,76%), taucht das Land nicht auf der Karte auf. Was auf den ersten Blick wie eine simple Beobachtung daher kommt, impliziert doch eine Reflexion \u00fcber den Umgang der Historiker mit statistischem Material und dessen Darstellung.\u200b<\/em><\/p>\n\n<p>\u00a0<\/p>\n\n<p>Jenny Pleinen und Lutz Raphael merken hierzu in ihrem Artikel \u201eZeithistoriker in den Archiven der Sozialforschung\u201c richtig an, dass \u201e(\u2026) der Eintritt in die von den Sozialwissenschaften gepr\u00e4gte j\u00fcngste Vergangenheit l\u00e4\u00dft sich mit Appellen an die Konzentration auf das eigene Profil bzw. das disziplin\u00e4re Kerngesch\u00e4ft allein intellektuell und methodisch nicht bew\u00e4ltigen.\u201c Viel eher solle das Auge des Historikers f\u00fcr jegliche Form von \u201estatistischen Fehlerquellen\u201c, die \u201ePlausibilit\u00e4t der Berechnungsgrundlagen von Indikatoren\u201c, \u201eL\u00fccken- und Inkonsistenzen im Datenmaterial\u201c, \u201eneuer statistischer Kategorien\u201c oder \u201eVor- und Nachteile der Erhebungsmethoden\u201c noch viel st\u00e4rker, als es bisher der Fall ist, geschult werden.<a href=\"#footnote_ref-2-foot\" id=\"footnote_ref-2-text\" data-target=\"self\"><sup style=\"font-size:11px\">[2]<\/sup><\/a>\u00a0Das ist insbesondere f\u00fcr den heutigen Historiker der Fall, dessen Zukunft im Besonderen von Datenmaterial und dessen Darstellung gepr\u00e4gt sein wird.<\/p>\n\n<p>Ein weiterer Grund also, warum auch die Geschichtswissenschaft im Streit um die Ungleichheitsforschung eine wichtige Stimme hat und haben wird: Historiker sind Datendetektive, die mit ihrer klassisch-hermeneutischen Herangehensweise geradezu pr\u00e4destiniert sind, aus dem Theorienschatz der Soziologen und \u00d6konomen zu sch\u00f6pfen, die Tatorte der Ungleichheit unter die Lupe zu nehmen und\u00a0gemeinsam\u00a0mit \u00d6konomen und Soziologen auf Spurensuche nach den Rissen in der Gesellschaft gehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n<p>\u00a0<\/p>\n\n<p style=\"font-size:12px;border-top:1px solid #CCCCCC;padding-top: 8px\"><a href=\"#footnote_ref-1-text\" id=\"footnote_ref-1-foot\" data-target=\"self\"><sub style=\"bottom:1px\">1. <\/sub><\/a>Graf R. et Priemel K.C., \u00ab\u00a0Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimit\u00e4t und Originalit\u00e4t einer Disziplin\u00a0\u00bb, in\u00a0<em>Vierteljahrshefte f\u00fcr Zeitgeschichte<\/em>, vol.\u00a059 (octobre 2011), no\u00a04, p. 479\u2011508. Graf und Priemel pl\u00e4dieren f\u00fcr eine st\u00e4rkere Historisierung der Theorien der Sozialwissenschaft und eine Weiterentwicklung oder Falsifikation derselben, einhergehend mit einer Konzentration auf das historische Kerngesch\u00e4ft.<\/p>\n\n<p style=\"font-size:12px;padding-top: 8px\"><a href=\"#footnote_ref-2-text\" id=\"footnote_ref-2-foot\" data-target=\"self\"><sub style=\"bottom:1px\">2. <\/sub><\/a>Pleinen J. et Raphael L., \u00ab\u00a0Zeithistoriker in den Archiven der Sozialwissenschaft. Erkenntnispotenziale und Relevanzgewinne f\u00fcr die Disziplin\u00a0\u00bb, in\u00a0<em>Vierteljahrshefte f\u00fcr Zeitgeschichte<\/em>,\u00a0 (2014), no\u00a02, p. 173\u2011195. Pleinen und Raphael pl\u00e4dieren f\u00fcr eine Erweiterung ihrer Untersuchungsthemen und ein st\u00e4rkeres Eintauchen in die Archive der Sozialwissenschaft.<\/p>\n\n\n<h3 class=\"has-text-align-left wp-block-unilux-blocks-heading\"    >\nAuthor(s)<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"ulux-list\">\n\n<li class=\"ulux-list-item\">Vitus Sproten<\/li>\n\n\n<\/ul>\n\n\n<\/div><\/section>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hat die soziale Ungleichheit von gestern mit dem Historiker von morgen zu tun? Einen Teil der Antwort hierauf gab Hartmut Kaelble in seinem Auftaktvortrag der tri-nationalen Doktorandenschule, der am 18. 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